Max Liebermann und Thomas Mann. Wie der Künstler den Schriftsteller und der Schriftsteller den Künstler sieht

04.12.2021 von Andrea Haarer

Im fünftenTeil unserer Gastblogging-Reihe „Wir feiern Liebermann!“ widmet sich Andrea Haarer, wissenschaftliche Volontärin am Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck, Max Liebermanns Porträt von Thomas Mann sowie Thomas Manns Text über Max Liebermann.

Andrea Haarer diskutiert Zeichnung und Text als Indizien für die gegenseitige Wertschätzung des Berliner Künstlers und des Lübecker Schriftstellers.

Max Liebermann zeichnet Thomas Mann

1925 zeichnete Liebermann (1847-1935) ein Porträt des Schriftstellers Thomas Mann (1875-1955). Er nutzte hierfür ein einfaches Blatt Zeichenpapier und Kohle. Kohle für das Porträt Thomas Manns zu nutzen, war sicherlich eine künstlerische Entscheidung, denn er zeichnete auch mit Bleistiften verschiedener Härtegrade, Feder und Kreide. Liebermann stellte Thomas Mann „nur“ skizzenhaft dar. Dabei war diese Kohleskizze keine Suche nach einer Bildkomposition, kein Ausfeilen einer schon vorhandenen Bildidee und keine Vorarbeit für ein noch auszuführendes Ölgemälde. Die Skizze ist selbst das Porträt. Die Porträtskizze wurde als Radierung sogar in Thomas Manns Gesammelte Werke in 10 Bänden (Berlin 1925) abgedruckt und vervielfältigt. Thomas Mann muss diese Kohleskizze selbst zu schätzen gewusst haben: Sie ging anschließend in seinen Besitz über und begleitete ihn ins Exil. Als es um ein Verzeichnis künstlerischer Porträts von ihm ging, nannte er aus der Menge an Bildern, die es von ihm gab, Liebermanns Radierung in seinen Gesammelten Werken. Was ist das also für ein besonderes Porträt von Thomas Mann, das Liebermann zeichnete?

Max Liebermann, Porträt Thomas Mann, um 1925, Kohle, 29 x 20 cm, die Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus.

Der Blick auf den Schriftsteller

Liebermanns skizzenhaftes Zeichnen ist kein schnelles, vielleicht nachlässiges oder desinteressiertes Hinwerfen eines Porträts in kurzer Zeit. Es ist eine Konzentration auf das, was er selbst beim Porträtieren Thomas Manns für wichtig hielt. Liebermanns ganze Aufmerksamkeit im Zeichnen konzentriert sich auf den Kopf und den Gesichtsausdruck, mit den individuellen Zügen, den altersbedingten Falten und der Mimik: Die Augenbrauen sind leicht zusammengezogen, die Stirn- und Augenpartie ist dadurch in Falten gelegt. Der Mund lächelt nicht, sondern ist geschlossen, die Lippen vielleicht leicht aufeinandergepresst. Die Augen schauen auf kein erkennbares Ziel.

Indem Liebermann den Hintergrund blank ließ und nicht andeutete, was Thomas Mann hätte im Blick haben können, schaut er in die vermeintliche Leere. Dadurch ist seine Aufmerksamkeit nicht auf die Umwelt gerichtet, sondern nach innen gekehrt. So erscheint Thomas Manns Gesichtsausdruck konzentriert, den eigenen Gedanken und der eigenen Innenwelt nachgehend. Indem Liebermann Thomas Mann nun nicht etwa mit einem harten, blassgrauen Bleistift von vagem, dünnem Strich zeichnet, sondern mit den soliden, dunklen und weichen Linien der Kohle, ist diese Gedankenversunkenheit nicht unzugänglich oder entrückt. Er verklärt Thomas Mann nicht als Schriftstellergenie. Vielmehr bleibt Thomas Mann gerade durch Liebermanns skizzenhafte Kohlezeichnung ein greif- und nahbarer Mensch.

Thomas Mann schreibt über Max Liebermann

Zwei Jahre später konnte sich Thomas Mann für das Porträt revanchieren. 1927 schrieb er den Kurztext Max Liebermann zum 80. Geburtstag. Über seine Empfindung beim Schreiben sagt er, dass Liebermann „zu feiern der Kritiker in mir wohl unternehmen durfte, während die kalendarische Aufforderung, über den großen Maler zu schreiben, Gefühlen der Unzuständigkeit begegnet.“ In dieser Aussage steckt, dass Thomas Mann Schriftsteller ist, nicht Kunstwissenschaftler. Er könne über Liebermann nicht als Kunstkenner schreiben, sondern nur als „Kritiker“, das heißt aus seiner eigenen Wahrnehmung heraus. Thomas Mann erlebte Liebermann bei der Porträtsitzung 1925, ab 1926 bei den Sitzungen der Preußischen Akademie der Künste und bei einer Wagnerinszenierung. Er kannte die Porträtzeichnung und sah Liebermanns Kunst auf Ausstellungen, privat bei Bekannten und möglicherweise in Büchern und Zeitschriften. Das Material für sein Schreiben konnte daher nur das sein, was ihm an Liebermann und seiner Kunst aufgefallen war und was er dazu assoziierte:

„In Liebermann bewundere ich Berlin […]. Ich finde es königlich, daß er den geweckt schnodderigen Berliner Jargon spricht, frank und unverfälscht […]. Berlin, das ist Energie, […] Straffheit, Unsentimentalität, Unromantik […] – und damit nannte ich die charakterologischen Hauptmerkmale einer Genialität, die ich mit ähnlich reiner und verdachtloser Achtung liebe wie die Kunst Fontane’s […].“

Die kurze Assoziation mit der Literatur Theodor Fontanes (1819–1898) wird Liebermann verstanden haben. Er kannte Fontane persönlich von einer Porträtsitzung 1896 und war mit dessen Literatur vertraut. 1926 illustrierte er eine Jubiläumsausgabe von Effi Briest. Die literarischen Figuren Fontanes sind keine verklärten, romantisierten Idealgestalten. Sie sind je möglichst ‚realitätsnah‘ und nahbar gestaltet. Fontanes „unsentimentales“ Wahrnehmen, Sprechen und Aufzeigen von Welt traut Thomas Mann auch Liebermann zu. Möglicherweise hatte Thomas Mann beim Schreiben dieses Absatzes nicht nur Liebermanns direkte ‚Berliner Schnauze‘ im Ohr. Vielleicht hatte er auch die Porträtzeichnung vor Augen. Denn Liebermann zeichnete ihn ja gerade nicht romantisiert als Genie, sondern als nahbaren, alternden und konzentrierten Menschen. Indem Thomas Mann bei seiner Assoziation von Liebermann mit Fontane von vorbehaltloser „Achtung“ schreibt, ist diese ein Kompliment ohne Spitze: Weder die Literatur Fontanes und noch der achtzigjährige Liebermann sind für ihn historisch geworden. Sie sind beide wie Berlin insgesamt „Modernität als Zukünftigkeit“.

Andrea Haarer ist wissenschaftliche Volontärin am Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck.