Wolfgang Leicher

07.9.2022 von Ernst Braun

Ein Nachruf

Geboren am 16.5.1951 in Mudenbach.
Gestorben am 27.5.2022 in Großefehn.

Als mich im August 2000 ein erster Brief von Wolfgang Leicher aus Großefehn erreichte, war der stetig zunehmende Informations- und Meinungsaustausch nicht abzusehen. Der Absender hatte einen mir unbekannten Brief Max Liebermanns an Gustav Pauli erworben und teilte mir das mit, da er als Mitglied der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V. von meinem Interesse an allen Briefen von und an den Maler wusste. Eine derartige Offenbarung eines Sammlers erlebte ich in den mehr als 35 Jahren der Briefspurensuche leider nur ganz selten.

2010 begannen meine Arbeiten an der mehrbändigen Briefausgabe rund um Max Liebermann. Der friesländische Sammler stellte umgehend seine zugehörigen Schätze zur Verfügung. Der erste Band Max Liebermann: Briefe. 1869-1895 erschien 2011 im Deutschen Wissenschafts-Verlag in Baden-Baden. Geraume Zeit danach erreichte mich eine Nachricht von Wolfgang Leicher mit zahlreichen ergänzenden Hinweisen und Korrekturen, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit für Liebermann erahnen ließen. Meine Freude an den neuen Details mischte sich mit dem Bedauern, dass all das nicht im gedruckten Band zu finden ist. Um dies fernerhin zu vermeiden, bot ich Wolfgang Leicher eine regelmäßige Zusammenarbeit an, die er zum Vorteil der späteren Bände glücklicherweise nicht ausschlug. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass des Norddeutschen besonderes Augenmerk denjenigen Kunstausstellungen galt, auf denen Max Liebermanns Arbeiten zu sehen waren. In etwa zwanzig Jahren kam eine Liste zusammen, die es zu bewahren galt. Auch das gelang 2021 mit dem Band 9/II Max Liebermann: Briefe. Nachträge. Die Ausstellungen der Werke Max Liebermanns zwischen 1870 und 1945 von Wolfgang Leicher im Baden-Badener Verlag.

Fotoporträt eines lächelnden Mannes mit Bart

Wolfgang Leicher, © Privat

Damit rundete sich ein Leben ab, das von selbstbewussten Entscheidungen geprägt war. Doch ich wusste lange nichts davon. Aber erst der weite Blick erweist, warum eine so gute, zuverlässige, auch streitbare Zusammenarbeit zustande kam.

Wolfgang Leicher wuchs als drittes von fünf Kindern seiner Eltern auf, ging zwischen 1957 und 1965 in eine Dorfschule mit zwei Klassen (Klasse 1: 1.-4. Schuljahr; Klasse 2: 5.-8. Schuljahr) und absolvierte die neunte Klasse der Volksschule in der Kreisstadt. Dem schloss sich eine dreieinhalbjährige Lehre als Technischer Zeichner an. Die feinen Beschriftungen dieser Berufsgruppe fielen mir schon auf, als ich von dieser Ausbildung noch nichts wusste, da mein Vater auch Bauzeichnungen mit ähnlichen Bleistiftanmerkungen gemacht hatte. Mehrere Anstellungen als Technischer Zeichner; zuletzt als Beamter bei der Bundesbahn, wodurch zahlreiche Bahnreisen möglich wurden. Sehnsucht nach der Ferne, Furcht vor dem festgelegten Leben eines Beamten. Der Aussteiger – ein Wort, das mir als DDR-Bewohner in dieser Zeit seltsam vorkam – kündigte die Beamtenlaufbahn und ging mit seiner Frau auf die Insel Ithaka ins Projekt Sarakiniko Alternatives Leben GmbH. Kurzzeitiges Leben dort. Rückkehr wegen Perspektivlosigkeit. Schließlich kam es nach Geburt der Kinder zur Umkehr des damals noch üblichen bundesdeutschen Rollenmodells: arbeitende Ehefrau und kinderbetreuender Hausmann, der zudem ein ansehnliches Anwesen renovierte und ausbaute. Die Reiselust der Familie blieb. In den 1990er Jahren in Paris stieß Wolfgang Leicher inmitten der französischen Impressionisten auf den deutschen Impressionisten Max Liebermann und blieb ihm verfallen.

Die reichen Ergebnisse seiner Spurensuche helfen Forschern – sich gewiss dankbar erinnernd – bei weiteren Untersuchungen.

Ernst Braun
Herausgeber der Briefe Max Liebermanns