Zwischen Segel- und Ruderbooten: Liebermanns Wannsee-Pastelle
09.7.2026 von Sophia Peix
Sophia Peix ist seit Dezember 2024 als wissenschaftliche Volontärin in der Liebermann-Villa am Wannsee tätig und kuratierte als ihr Volontariatsprojekt die Ausstellung „IM FOKUS. Liebermanns Pastelle. Eine Welt in Kreide“. Mit dem Blog gibt sie einen Einblick in die Sammelgeschichte und Motivik einzelner Werke.
Was schenkt man einem der bedeutendsten Künstler zum 77. Geburtstag? Für den jüdischen Textilkaufmann und Kunstsammler Siegbert Marzynski (1892–1969) lag die Antwort auf der Hand: hochwertige Pastellkreiden direkt aus der Kunstmetropole Paris. Die Dankbarkeit von Max Liebermann war groß – und führte prompt zu einer Einladung in sein berühmtes Sommerhaus an den Wannsee:
„Daß Sie aber noch an die Pastellstifte gedacht haben, als Sie in Paris waren, ist in der Tat rührend […] Vielleicht gelingt mir eine Handarbeit mit den neuen Pastellfarben und die will ich Ihnen dedicieren [heißt so viel wie, werde ich Ihnen widmen] müssen Sie herauskommen und sich was aussuchen.“ (Max Liebermann an Siegbert Marzynski, 20. Juli 1924)
Die beiden Männer kannten sich seit den 1920er-Jahren: Anlässlich von Marzynskis 30. Geburtstag im Jahr 1922 porträtierte Liebermann den jungen Sammler sowohl in einem Gemälde als auch in einer Zeichnung und hielt auch dessen Eltern, Hermann und Minna, später künstlerisch fest. Marzynskis Mutter war die Cousine des Grafikers Hermann Struck, der ebenfalls mit Liebermann bekannt war.

Max Liebermann, Bildnis des Textilkaufmanns Siegbert Marzynski, 1922, Öl auf Leinwand, Privatbesitz
Marzynski hatte in Berlin Kunstgeschichte bei dem berühmten Schweizer Professor Heinrich Wölfflin studiert, bevor er das Exportgeschäft seines Vaters übernahm. Durch seine Tätigkeit in der Textilbranche pflegte er enge Kontakte nach Paris. Dort erwarb er Werke französischer Künstler:innen für seine eigene Sammlung und freundete sich mit Künstlern wie Paul Signac, Maurice Utrillo und Maurice de Vlaminck an.
In unserer Sonderausstellung „IM FOKUS. Liebermanns Pastelle. Eine Welt in Kreide“ zeigen wir jenes Pastell, das sich der Textilkaufmann bei Liebermann aussuchte und dieser ihm eine Widmung auf dem Blatt hinterließ. Schon 1927, zur großen Pastellausstellung bei Bruno Cassirer anlässlich des Künstlers 80. Geburtstags, wurden vier Pastelle aus dem Besitz Marzynskis gezeigt – darunter die Werke „Badende im Meer“ (um 1908), „Wannseegarten II“ (1923), die „Grosse Seestraße“ (1924) sowie das Pastell „Boote am Wannsee“ (um 1924).

Max Liebermann, Boote am Wannsee, um 1924, Pastell, Privatbesitz, Dauerleihgabe in der Liebermann-Villa, Foto: Thomas Lingens

Detailaufnahme von Boote am Wannsee, um 1924
Zudem schenkte Liebermann dem frisch getrauten Ehepaar Marzynski 1934 zur Hochzeit ein Gemälde, das im Wannseegarten entstand. Durch die Verfolgung der Nationalsozialisten musste die jüdische Familie 1941 aus Deutschland fliehen und ließ sich in Amerika in Kalifornien nieder. Fortan nannte sich Siegbert Marzynski „Marcy“. Er konnte sogar Teile seiner Sammlung nach Amerika bringen, darunter auch das beschriebene Pastell, das 1969 seinen Weg zurück nach Deutschland fand und auf dem Kunstmarkt angeboten wurde. Seit 2024 befindet sich das Pastell als Leihgabe aus Privatbesitz in der Liebermann-Villa am Wannsee. Teile seiner Kunstsammlung, vorrangig von Lovis Corinth darunter Zeichnungen, Radierungen und Lithografien schenkte er der National Gallery of Art in Washington, DC. 1955 leitete Marcy schließlich ein Wiedergutmachungsverfahren gegen das „Deutsche Reich“ ein.

Max Liebermann, Wannsee, 1925, Pastell, Privatbesitz
Besonders in den Jahren 1924 und 1925 fertigte Liebermann eine Vielzahl von Pastellen mit Blick auf den Wannsee. Gerade in den Pastellen wird Liebermanns abstrakte und offene Zeichenweise deutlich: Er arbeitete intensiv mit der Textur des Papiers und integrierte die unbemalten Flächen direkt in das Motiv. Dennoch fing er die Konturen der Boote und die am Ufer stehenden Baumstämme präzise mit der Kreide ein. Es ist nicht bekannt, ob Liebermann selbst auf dem Wasser im Boot unterwegs war, doch scheint es, dass er das Treiben auf dem Wasser lieber aus sicherer Entfernung in seinen Werken festhielt.
Der Wassersport am Wannsee
Das Segeln galt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als exklusive Angelegenheit – ein gehobenes Freizeitvergnügen, das vor allem dem Großbürgertum und dem Hochadel vorbehalten war.

Blick auf den Großen Wannsee, Anfang des 20. Jahrhunderts, Postkarte, Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V.
Am Wannsee etablierte sich rasch eine lebendige Regattaszene, geprägt von traditionsreichen Vereinen, die bis heute dort ansässig sind. Dazu gehört der Verein Seglerhaus am Wannsee – 1867 gegründet und damit einer der ältesten Segelclubs Deutschlands. Nachdem er ursprünglich an der Havel beheimatet war, zog der Club 1881 an das Ostufer des Großen Wannsees, nur ein kurzes Stück von Liebermanns späterem Sommerhaus entfernt. Unweit davon, direkt an der Wannseebrücke an der Königstraße, gründete sich 1894 der Potsdamer Yacht-Club.
In dem farbenreichen Pastell mit dem Titel „Wannsee“ (1925) lassen sich neben den vielen Segelbooten sogar vereinzelte Ruderer erkennen, ebenso wie der Pavillon und der Bootssteg. Neben dem Segeln hat auch das Rudern eine lange Geschichte am Wannsee und der Havel. Zum traditionsreichen Verein zählt der Berliner Ruder-Club e. V., gegründet 1880, als einer der ältesten Ruderclubs in ganz Deutschland und bis heute ein reiner Herrenruderclub. Sein markantes traditionsreiches Clubhaus liegt direkt am Ostufer des Kleinen Wannsees.
Literatur
Ausst.-Kat. Zum 80. Geburtstag von Max Liebermann. Ausstellung von 80 Pastellen, erschien bei Bruno Cassirer, Berlin 1927.
Berliner Ruder-Club e. V.: Historie, URL: Historie — BERLINER RUDER-CLUB (Zugriff am 18.8.2026).
Dorothee Hansen/Martin Faass (Hrsg.): Max Liebermann – Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport, Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen, Liebermann-Villa am Wannsee, München 2016.
Franz Landsberger: Max Liebermann. Siebzig Briefe, Berlin 1937.
Martin Faass/Ernst Volker Braun (Hrsg.): Max Liebermann. Briefe, Bd. 7 (1922–1926), Baden-Baden 2017.
Potsdamer Yacht Club: Historie des Potsdamer Yacht Clubs, URL: Historie inkl. Gorch Fock – PYC (Zugriff am 12.8.2026).
Verein Seglerhaus am Wannsee: Vereinshistorie, URL: Vereinshistorie – VSaW – Verein Seglerhaus am Wannsee (Zugriff am 12.8.2026).